BERLIN BERLIN Die Hauptstadt lockt - Politik und Kultur im Spiegel der Zeit

Bundestag Berlin

04. Juli 2015

BERLIN | Diessen – Dass Berlin als Weltstadt der Kultur, Politik, Medien und Wissenschaften gilt, ist schon klar. Wie es sich aber anspürt und anfühlt, unter 3,5 Millionen Menschen eines der meistbesuchten Zentren des Kontinents zu erleben, das wollten 50 politisch Interessierte aus dem bayerischen Oberland wissen. Sie folgten dem Ruf ihres Bundestagsabgeordneten Klaus Barthel (SPD) nicht nur in den Deutschen Bundestag, sondern erlebten mit seinem Team brisante und erlebnisreiche Tage in der Hauptstadt.

Es ist schon fein: Wer mit dem Bundespresseamt den Deutschen Bundestag besucht, muss nicht warten, um ins Regierungsgebäude zu kommen. Dass man um die Leibesvisitation nicht rum kommt, ist klar – aber danach geht’s auf der Direttissima ins höchste Verfassungsorgan der Bundesrepublik. Hier sitzen sie dann alle aufgereiht, die 631 Abgeordneten, das einzige Staatsorgan, das direkt vom Volke gewählt wird. In unserem Falle sind es nur eine Handvoll Parlamentarier unterm riesigen Reichsadler, weil wir einer Ausschusssitzung beiwohnen.

Auf den Besucherrängen, so belehrt ein Herr im Frack, dürfe weder laut geschwätzt noch Zwischenrufe ins Parlament hinunter gemacht werden. Einzunicken sei auch nicht erlaubt, weil man dann unter Umständen von einem Kameraschwenk erwischt würde und in die Medien käme. Einschlafen will keiner, denn die Ausschusssitzung ist höchst interessant, verfolgt die Gruppe aus Bayern eine Meinungsbildung zum Schutz der Religions- und Glaubensfreiheit, die für alle staatlichen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland von höchstem Belang sei. Ebenso bemühen sich die in der Bundesrepublik Deutschland aktiven Kirchen und Religionsgemeinschaften um die weltweite Durchsetzung der Religionsfreiheit. Um die Glaubens- und Religionsfreiheit zu schützen und zu garantieren, so die Zusammenfassung der Debatte, wäre es hilfreich, wenn die Bundesregierung jährlich einen eigenständigen Bericht zum Stand der Religions- und Glaubensfreiheit weltweit herausgäbe.

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Die nächste Station führt durch die weiträumigen Hallen des Regierungsgebäudes in einen kleinen Konferenzraum. Hier begrüßt Fabian von Xylander die Oberbayern. Er ist Leiter des Barthel-Büros in Berlin. Er stellt die Arbeitsbereiche seines Chefs vor und überrascht mit einem international tätigen Abgeordneten, dessen umfassende Mandate im heimischen Wahlkreis kaum bekannt sind. Vorratsdatenspeicher Im Willy-Brandt-Haus wird erst einmal dessen futuristische Architektur bestaunt, die den überlebensgroßen „Kultstar“ der SPD gläsern umhüllt. Brand in Bronze bietet den idealen Hintergrund für ein Pressefoto, bevor Pressesprecher Steffen Hebestreit die Gäste mit aktuellen Themen konfrontiert, die engagierte Debatten auslösen und am Ende sogar den Zeitrahmen sprengen. Immerhin ist der „Tag vor dem Parteikonvent“ einem heißen Thema gewidmet: Vorratsdatenspeicherung. Der Gesetzentwurf von SPD-Justizminister Heiko Maas soll verabschiedet werden. Interessant, dass die Debatte mit den Pressesprecher ähnlich kontrovers verläuft, wie tags drauf die echte. Und die „gespielte Abstimmung“ genauso knapp ausgeht, wie einen Tag später der SPD-Parteikonvent abstimmt. Nämlich für die Vorratsdatenspeicherung votiert, wonach Telekommunikationsunternehmen die Telefon- und Internetverbindungsdaten aller Bürger zehn Wochen lang speichern.

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Topografie des Terrors Der Weg zurück in die Vergangenheit, ins NS-Zwangsarbeitslager Schöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick, löst tiefe Betroffenheit aus. Hier befindet sich das einzige noch weitgehend erhaltene ehemalige NS-Zwangsarbeiterlager. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte es zu den mehr als 3.000 über das Stadtgebiet verteilten Sammelunterkünften für Zwangsarbeiter. Im Sommer 2006 wurde auf einem Teil des heute denkmalgeschützten historischen Geländes das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit eröffnet. Die „Topographie des Terrors“ beschäftigt sich mit der Zeit von 1938 bis 1945. Das Lager mitten in einem Wohnbezirk wird als Ausstellungs-, Archiv- und Lernort kontinuierlich weiterentwickelt.

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Dr Mo und d‘ Manner Die Hauptstadt-Tage begleitet Andrea Würdemann. Seit 18 Jahren Stadtführerin in Berlin, navigiert die Philosophin ihre Gäste genial durch die Weltstadt. Sie vernetzt Historie und Gegenwart großartig miteinander und sorgt neben der Sach- und Fachinformation für viel Heiterkeit. Ihre Erlebnisse mit Menschen aus Oberbayern streut sie immer wieder amüsant ein. „Warum heißen in Bayern alle Männer Mo?“, habe sie einmal gefragt, als ihr auffiel, dass Frauen sehr oft mitteilen: „Mei Mo fehlt.“ Irgendwann sei sie draufgekommen, dass es sich nicht um einen Namen handelt, sondern um „d‘ Manner“. Allerdings verursacht das unbekannte Substantiv bei der Berlinerin, die in Wien studiert hatte, erneut Verwirrung: „Unter dem Begriff Manner kenne ich nur die Wiener Waffeln mit Nussfüllung.“ Am Ende der Berliner Tage hat Klaus Barthel, „unser Mo aus Kochel“ mit seinen Oberlandlern - darunter auch einer kleinen Abordnung aus Diessen - einen lustigen Abend im Mommsen-Eck am Potsdamer Platz verbracht.

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Text & Bilder: Beate Bentele

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