FLÜCHTLING IN DIESSEN (Bericht über den Vortrag)

01. April 2015

DIESSEN – Mit zehn der gängigsten Vorurteile, die sich gegen Flüchtlinge und Asylanten richten, hat er aufgeräumt: Pfarrer Jost Herrmann aus Weilheim ist eng verwurzelt in der Arbeit mit ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und weiß, wovon er spricht. Damit hat er beim Informationsabend der Diessener SPD überzeugt und manch einen der Diskussionsteilnehmer für mehr Mitmenschlichkeit gewinnen können.

„Flüchtling in Diessen“, freut sich Patrik Beausencourt (stellvertretender Vorsitzender im SPD Ortsverein Diessen), „war ein voller Erfolg und hat unsere Veranstaltungsreihe ‚Wir blieben dran‘ erneut in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.“ Im Unterbräu-Saal und Nebenzimmer sind die Stühle rar geworden, vor allem hat man nicht nur „Eingeweihte“ gesehen, sondern viele Besucher, die bisher nicht in öffentlichen Ämtern oder Hilfswerken aktiv sind. „Das beweist, wie viele Mitmenschen Anteil am Schicksal der Flüchtlinge nehmen“, fügt Ortsvorsitzende Hannelore Baur an.

Beausencourt, der durch die Veranstaltung navigierte erklärte eingangs, warum sich keine Region die Zahl noch die Herkunft der Flüchtlinge oder Asylanten aussuchen kann: „Das ist nach dem Königsteiner Schlüssel festgelegt“, hielt er fest, „der regelt wie die Länder der Bundesrepublik an gemeinsamen Finanzierungen beteiligt werden.“ Dieser Anteil orientiere sich am Steueraufkommen und an der Bevölkerungszahl. Deshalb stünden Nordrhein-Westfalen und Bayern ganz vorne in der Bewertung. Der Königsberger Schlüssel werde jährlich von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz neu berechnet.

F2

Am Rednertisch haben neben Pfarrer Herrmann Platz genommen Dr. Albert Thurner (Bürgermeister der Gemeinde Vilgertshofen und Kreisrat), Rechtsanwältin Silvia Turansky aus Weilheim und Michaela Zeilmeir (für die Ammersee-Region zuständige Asylsozialberaterin vom Bayerischen Roten Kreuz). Sie formulierten ein umfassendes Bild der Flüchtlingssituation zwischen Ammersee und Lech. Momentan sind es über 600 Menschen aus 13 Ländern, davon leben 170 am Ammersee-Westufer und dessen Hinterland. Die Zahl wird sich bis zum Jahresende mindestens verdoppeln.

FRAGEN ÜBER FRAGEN

Der Weilheimer Pfarrer ist aktiv verwurzelt in seiner Arbeit. Jahrelang war er in Krisengebieten tätig, unter anderem in afrikanischen Ländern. Er kennt die Lebensgewohnheiten anderer Kulturen und Mentalitäten und kann seine Hilfeleistung von der Basis für die Basis ansetzen. Momentan gilt sein Engagement nicht nur den Flüchtlingen im Raum Weilheim, „ich habe auch die 420 Mitmenschen aus den Unterstützerkreisen im Blick.“

Zeitgenossen, die den Flüchtlingen kritisch bis feindlich gegenüber stehen, hätten immer wieder ähnliche Fragen und stellen gleiche Behauptungen auf: Wo kriegen sie die Handys her? Wer bezahlt das? Der Bürgermeister? Oder klauen die das? Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg. Asylanten sind meistens besoffen. Wir können unsere Mädchen nicht mehr auf die Straße lassen ...

Der Pfarrer berichtet, wie er im Schulunterricht Zehnjährige fragte, was Flüchtlinge mit Handys machen. Die Kinder hätten klar erkannt, dass man in der Heimat anrufen könne, Lieder aus der Heimat hören, Fahrpläne nachschauen, Nachrichten abrufen, Fotos machen, Deutschkurse … Weil man heute ein Handy für einen Euro bekommt, sei die Anschaffung einfach. Was die Flüchtlinge wegen Sprachbarrieren nicht verstehen, ist die Unterschrift unter den Handy-Vertrag. Damit beginne das Problem: „Viele Flüchtlinge verschulden sich, weil sie das Telefonsystem nicht verstehen.“ Flüchtlinge nehmen keine Arbeit weg, lautete die Antwort auf die nächste Frage. Die ersten drei Monate dürfen sie nicht arbeiten, danach nur sogenannte nachrangige Arbeiten annehmen, die kein EU-Bürger machen will. „Sie wollen arbeiten, aber sie dürfen nicht. Betrunken sind sie auch kaum, weil 80 bis 90 Prozent Muslime sind, „und die Kriminalitätsrate im Raum Weilheim–Schongau ist gleich null. Die zum Teil stark traumatisierten Asylanten, die in der Heimat verfolgt und gefoltert wurden und vom Tode bedroht sind, wollen eine Beziehung zu uns aufbauen und uns nicht enttäuschen.“ Deutschkurse sind wichtig, rät Pfarrer Jost Herrmann jenen, die helfen wollen, damit die gegenseitige Verständigung wächst.

SYRER LIEBT LEDERHOSN Verständigung, sagt Albert Thurner, würde in seiner Heimatgemeinde Vilgertshofen aktiv gelebt. Der Arbeitskreis Asyl habe es geschafft, die 14 Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan zu integrieren. „Sie lassen sich sehen im Dorf, gehen zu Veranstaltungen, helfen im Seniorenheim in der Küche, sind bei der Feuerwehr aktiv. Einem haben wir einen Motorsäge-Kurs bezahlt, und ein anderer hat sich schon die zweite Lederhosn angeschafft.“

F1

Text & Fotos: Beate Bentele

Teilen